Ossietzky: Abschied vom Freitag?

Über die Zukunft der Wochenzeitung Freitag schreibt Heike Friauf in Ossietzky 12/2008 unter dem Titel „Abschied vom Freitag?„:

Seit dem 1. Juni 2008 gehört der Freitag, die »Ost-West-Wochenzeitung«, Jakob Augstein, dem Sohn des einstigen Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein. Seine Zielstrebigkeit zeigte er sogleich, als er zwei berufliche Weggefährten mitbrachte und installierte: zum einen als neuen Chefredakteur Philip Grassmann, zuletzt Redakteur für Innenpolitik im Berliner Büro der Süddeutschen Zeitung, für die Augstein selbst zehn Jahre arbeitete. Zum anderen als neuen Anzeigenleiter Detlev Hustedt, einen Mann mit bewegter beruflicher Vergangenheit als Berater, für einige Monate Geschäftsführer einer Presseagentur, 2000 Anzeigenchef der Woche, 1999 stellvertretender Anzeigenleiter bei der Springers Welt/Welt am Sonntag. »Der Freitag wird sich natürlich auch über Anzeigen finanzieren müssen«, erklärt Augstein im Interview mit der SZ.

Verwunderlich ist die Hoffnung, die viele kritische Leserinnen und Leser mit dem Besitzerwechsel verbinden. Bisherige Eigentümer waren der Psychologe Wilhelm Brüggen, die Journalisten Holger Schmale, Wolfgang Storz, Ursel Sieber und der Sozialwissenschaftler Frieder Otto Wolf. Sie hatten den Freitag gerettet, als sie das hochdefizitäre Blatt vor 13 Jahren übernahmen. Die Zeitung kam bisher ohne Chefredakteur und Anzeigenchef aus. Zuletzt schrieb sie nach eigenen Angaben mit einer verkauften Auflage von etwas über 12.000 Exemplaren sogar schwarze Zahlen. Dadurch kam sie zwar nicht von ihren Altschulden von rund 300.000 Euro herunter, konnte aber selbständig wirtschaften. Nun wird sie auf einen Schlag drei neue Mitarbeiter finanzieren müssen, denn Augstein stellt außerdem Jörn Kabisch von der taz ein, der als »Themenchef« den Internetauftritt verbessern soll. Weitere Mitarbeiter sollen folgen. Der bisherige Geschäftsführer Heinrich Eckhoff geht, Augstein setzt sich in dessen Position. Das alles wirkt so, als wäre es von langer Hand vorbereitet.
[…] Die taz berichtete jüngst davon. Sie unkte auch, daß die bisherige Positionierung des Freitag »zwischen linksbürgerlich und linksorthodox« sich nun »Richtung linksliberal verschieben« werde.
Überflüssige Spekulationen. Denn Leser- und Inserentenzahlen werden entscheiden, nicht politische Haltungen. Noch pfeift die Redaktion, die ungefragt vor vollendete Tatsachen gestellt wurde, im neuen Wald. Die Melodie klingt wie »Es ist keine Heuschrecke, Mama, es ist nur der Augstein, lala«…
[…]
Groß ist der Wunsch der Linken, nicht noch ein Publikationsorgan zu verlieren. Daher mag die Dankbarkeit mancher Kommentatoren und auch der bisherigen Eigentümer rühren, daß Augstein den Freitag weiterführen und in dieses Projekt investieren will. Wurde ein Genossenschaftsmodell überhaupt geprüft? Wer tatsächlich Grund zur Dankbarkeit hat, ist Augstein. Statt mühevoll und risikoträchtig ein neues Blatt zu gründen, gewinnt er eine städtische Leserschaft, überdurchschnittlich gebildet und besonders kulturinteressiert (was in der Medienwelt inzwischen als fast gleichbedeutend mit konsumorientiert angesehen wird). »Aus dem Freitag soll eine integrierte Marke werden, in der Print und Online gleichberechtigt nebeneinander stehen«, sagte er dem Tagesspiegel (29. Mai). Ob die Marke Freitag bald im schicken Tabloid-Format erscheint, wie es der Frankfurter Rundschau nach der Übernahme passierte? Wichtiger, am wichtigsten ist jedoch die Frage, wohin sich die Autoren wenden werden, die Herz und Kopf der Wochenzeitung waren. Der neue Besitzer hat zugesagt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu übernehmen, und er hat die Herausgeber gebeten zu bleiben. Schön wäre es, wenn sich die Befürchtungen nicht bewahrheiteten.“

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