Blätter: USA, Vietnam, Irak – Von der Amerikanischen Revolution bis zum Irak

William R. Polk schreibt in den “Blättern für deutsche und internationale Politik” in der Ausgabe 01/2008 zum Thema „Wie Volksaufstände entstehen und wie sie enden – Von der Amerikanischen Revolution bis zum Irak„:
“ Seit Beginn des Irakkrieges vor jetzt bald fünf Jahren rät man uns, die aufkommenden Erinnerungen an den Vietnamkrieg einfach zu ignorieren. Das sei ein ganz anderer Krieg gewesen, weit weg und lange vorbei. Analogien gebe es nicht, also dürften wir Vietnam keinesfalls als Vergleichsmaßstab heranziehen.
[…] Jetzt aber vergleicht unser Präsident selbst den Irak mit Vietnam. Mehr noch: Zur Rechtfertigung seiner Parole vom „Kurshalten“ hat George W. Bush die Geschichte des Vietnamkriegs umgeschrieben. Wenn wir nicht Kurs hielten, müssten wir die Schrecken der vietnamesischen „Killing Fields“ nochmals erleben. Lassen wir die verblüffende Tatsache beiseite, dass Präsident Bush und seine Redenschreiber offenbar nicht wissen, wo die „Killing Fields“ lagen – nämlich gar nicht in Vietnam, sondern in Kambodscha, einem Land, gegen das Vietnam einen Krieg geführt hat – und konzentrieren wir uns einfach auf zwei seiner Hauptargumente. […]“

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Blätter: Seymour Hersh – Die Brüchigkeit der Demokratie

Anfang der lesenswerten Rede von Seymour Hersh, anläßlich der Verleihung des Demokratiepreises 2007 an ihn:
„Lassen Sie mich, meine Damen und Herren, mit dem Allerwichtigsten anfangen. Die schlechte Nachricht lautet heute: King George Bush dem Zweiten verbleiben noch 481 Tage an der Regierung. Und die gute Nachricht? Morgen früh, wenn wir aufwachen, wird es ein Tag weniger sein. Hoffnungsträchtigeres hat die gute Nachricht, fürchte ich, nicht zu bieten.
Ich habe hier – gegen meine Gewohnheit – eine ausgearbeitete Rede, doch was sich heute bei den Vereinten Nationen abgespielt hat, erleichtert meine Aufgabe nicht.1 Niemand mag den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, ich ganz gewiss nicht. Er macht eine Menge schrecklicher Fehler. Aber es hat etwas von einer Hexenjagd, wenn alle Welt sich jetzt einfach auf den Iran stürzt, während das Verhalten einer amerikanischen Regierung – die mit Regierungen, die sie nicht mag, nicht einmal spricht – klaglos hingenommen wird. Die Regierung Bush weigert sich, mit der Hamas zu sprechen, sie spricht nicht mit Syrien, sie spricht nicht mit der Hisbollah und sie spricht, wie jeder sieht, nicht mit den Iranern.
Der Irrsinn, das eigentliche Übel besteht aber vor allem in der Unfähigkeit der Welt, der Presse und wichtiger Persönlichkeiten, sich auf dieses Verhalten meiner Regierung zu konzentrieren und es ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Denn dieses Verhalten und nicht die seltsamen Äußerungen eines mehr als seltsamen Iraners, der nicht gar so mächtig ist, sollten als das eigentliche Problem erkannt werden. […]“

Blätter-Demokratiepreis 2007: Der Sisyphos der Demokratie

Am 26. September 2007 wurde der amerikanische Journalist Seymour M. Hersh in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz mit dem Demokratiepreis der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ ausgezeichnet. Aus der Laudatio auf Seymour Hersh von Hans Leyendecker in der Ausgabe 11/2007 der Blätter:
„Wir haben es hier mit einem Gegner zu tun, der schlimmer ist als die Kommunisten. […] Die wollen uns drankriegen. […] Was ich, ehrlich gesagt, nie bedacht habe, war, wie weit diese Bastarde gehen würden. […] Es ist mir wurscht, wie es gemacht wird. Tut nur, was getan werden muss, um diese undichten Stellen zu stopfen. Ich will nicht hören, warum es nicht möglich ist. […] Ich will keine Ausreden. Ich will Ergebnisse. Ich will, dass es gemacht wird. Um jeden Preis. […] Haltet die heiße Ware unter Verschluss.“
Diesen Auftrag gab Anfang der 70er Jahre der 37. Präsident der Vereinigten Staaten, Richard Nixon, seinen engsten Mitarbeitern; darunter Robert Haldeman und John Ehrlichman. Auch seinen Mann fürs Grobe in der feinen Welt der Diplomatie, Henry Kissinger, schaltete er ein.
[…]
Wir sind heute zusammengekommen, um Seymour Hersh zu ehren, der in diesem Jahr den Demokratiepreis bekommt. Er hat sich die Anerkennung nimmermüde erarbeitet.
Die Furcht vor dem Bastard, der die heiße Ware der Regierenden an die Öffentlichkeit bringt, ist der beste Schutz der Demokratie. Vor Parlamenten fürchten sich manche der Regierenden weit weniger als vor Leuten wie ihm. Als er Mitte der 70er Jahre aufdeckte, dass amerikanische U-Boote Spionagefahrten innerhalb der russischen Dreimeilenzone unternahmen, bestand die Gefahr, dass der Kalte Krieg heiß wurde. Dennoch wollten Rumsfeld und Cheney, die damals im Stab des Präsidenten Ford arbeiteten, das FBI auf ihn ansetzen.
Hersh komme „im amerikanischen Journalismus dem am nächsten, was man einen Terroristen nennt“, hat der Bush-Berater Richard Perle vor ein paar Jahren gesagt. Kann es einen besseren Laudator als Perle geben? Mit seiner offenen Feindschaft adelte Perle den Journalisten. Hersh hatte im „New Yorker“ aufgedeckt, dass Kriegs-Befürworter Perle mit Firmen verbändelt war, die am Irakkrieg gut verdienen konnten. Und der Boss, George W. Bush? Auch er hat Hersh geehrt. Er hat ihn einen „Lügner“ genannt. […]“

Blätter: Iran – Das nächste Vietnam?

Behrooz Abdolvand und Nima Feyzi Shandi schreiben in in den “Blättern für deutsche und internationale Politik” in der Ausgabe 04/2007 unter dem Titel „Iran: Das nächste Vietnam?„, einige Zitate:
„Die Meldungen und Gerüchte reißen nicht ab, wonach die Bombardierung der iranischen Atomanlagen in Natans, Arak und Isfahan täglich näher rückt. […]
Kritische Kommentatoren interpretieren die jüngste Verlegung der zweiten US-Flugzeugträgergruppe an den Persischen Golf deshalb als den Versuch, durch Erhöhung der Militärpräsenz einen Konflikt mit iranischen Einheiten anzuzetteln. Dieser könnte der amerikanischen Luftwaffe als Vorwand dienen, die iranischen Uran-Anlagen zu bombardieren. Die meisten regierungsfreundlichen Beobachter vertreten dagegen die Auffassung, dass lediglich eine Drohkulisse aufgebaut werden soll, um die Iraner an den Verhandlungstisch zu bewegen und auf diesem Wege Konzessionen zu erreichen.
[…]
Aus technischer Perspektive sind die Standorte der iranischen Urananreicherungsanlagen für die amerikanische Luftwaffe nicht präzise bestimmbar. Die zur Urananreicherung genutzten Zentrifugen sind kleine und leicht transportierbare Geräte und damit in einem großen Land wie Iran leicht vor Spionagesatelliten zu verstecken.
[…]
Aus politischer Sicht würde ein Angriff auf den Iran unweigerlich gewaltige nationale Eruptionen in der iranischen Bevölkerung hervorrufen. […] Die Stärkung der radikalen Kräfte und das Zusammenrücken der schiitischen Religionsgemeinschaften in Irak, Afghanistan, Saudi-Arabien, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten und im Libanon wären die Folge: Sie alle betrachten den Iran als ihre religiöse Heimat (Om al Ghura). Letztlich droht die Vietnamisierung des gesamten Nahen und Mittleren Ostens.
[…]
Wegen der asymmetrischen Kriegsführung aus der Bevölkerung können die amerikanischen Strategen nicht einschätzen, was nach einer Eroberung des Iran geschehen würde. Anders als im Irak- oder Afghanistankrieg, wo oppositionelle, den Amerikanern wohlgesinnte Gruppierungen existierten, fehlt im Iran jegliche Alternative zur islamischen Regierung, da auch die iranische Opposition einen Krieg ablehnt (abgesehen von bestimmten Splittergruppen).
[…]
Angesichts der dramatischen Entwicklung stellt sich umso mehr die Frage, welche Lösung es für den Konflikt gibt. Da die bisher praktizierten Wirtschaftssanktionen auf lange Sicht ihre Effektivität verlieren werden, weil China und Russland sie vermutlich nicht weiter mittragen, bleibt die Verhandlung der einzig gangbare Weg. Dabei muss der Versuch unternommen werden, Iran durch Integration in das westliche Wirtschaftssystem für sich zu gewinnen. Neokoloniale Methoden sind dafür mit Sicherheit das falsche Mittel. Man sollte nämlich eines nicht vergessen: Die jetzige iranische Regierung ist das Produkt der Revolution von 1979, die ihrerseits die Folge der Einmischung von Engländern und Amerikanern war, nämlich der Ermordung Mohammad Mossadeghs, der Inthronisation des Schahs im Jahre 1953. Weder ein Putsch noch ein Krieg wird deshalb die iranische Bevölkerung davon überzeugen, die Seiten zu wechseln. Auch aus diesem Grund lehnt die iranische Opposition die Einmischung der Amerikaner entschieden ab.“